Die Ambitionierte

Als Direktorin der nepalesischen NGO Nagarik Aawaz setzt sich Dr. Susan Risal vor allem für die Gerechtigkeit und das psychische Wohlbefinden der Frauen ein, die im Bürgerkrieg Missbrauch erfahren haben. Friedensarbeit sieht sie nicht nur als Job, sondern auch als persönliche Verantwortung.

„Das ist nicht meine Arbeit, das ist mein Leben“, sagt Dr. Susan Risal mit leidenschaftlichem Nachdruck. Sie ist Direktorin der nepalesischen NGO Nagarik Aawaz, die vor allem junge Menschen und Frauen inspiriert, Frieden in ihren Gemeinschaften zu stiften. Nagarik Aawaz bedeutet „Stimme des Bürgers“. „Wir sind nicht diejenigen, die den Menschen eine Stimme geben. Wir regen sie dazu an, ihre Stimme zu erheben. Jeder hat seine eigene Stimme“, macht Susan Risal deutlich.

 

 

Die Organisation wurde 2001 gegründet, während des brutalen Höhepunktes des nepalesischen Bürgerkrieges, der von 1996 bis 2006 andauerte. „Es gab viele Vermisste, Ermordete sowie Fälle von Einschüchterung, Folter und Missbrauch, die sich außerhalb der Hauptstadt Kathmandu ereignet haben. Die Menschen waren also gezwungen, nach sicheren Orten zu suchen, wo sie ihren Kummer und ihre Sorgen loswerden konnten“, erklärt die Direktorin über den politischen Kontext und die Beweggründe für die Gründung von Nagarik Aawaz.

Susan Risal wurde 2003 als Finanzverwalterin Teil der Organisation. Das schmerzhafte Schicksal der Menschen – vor allem der Frauen – beeinflusste allerdings ihre Entscheidung zu einer Umschulung, und so studierte sie angewandte Studien zur Konflikttransformation, um besser helfen zu können: „Es war wirklich verheerend, die brutalen Geschichten der Frauen zu hören. Da ich aus einer, sagen wir, privilegierten Familie stamme und die direkten Auswirkungen des Konflikts nicht miterlebt habe, fühlte ich, dass die Friedensarbeit meine moralische Verantwortung ist. So ist die Arbeit für mich zu einer persönlichen Reise geworden.“

 

Die Frauen, für die sich Dr. Susan Risal einsetzt, stammen vor allem aus marginalisierten Gruppen. Oft haben sie indigene Hintergründe, gehören zu den Dalits – der untersten Kaste des nepalesischen Kastensystems – und leben unterhalb der Armutsgrenze. Viele dieser Frauen wurden während des Bürgerkriegs gefoltert. Beide kriegführende Parteien, die radikal-kommunistischen Maoisten und das Militär der damaligen Regierung, benutzten die Körper der Frauen als Schlachtfeld.

Im Rahmen des Projektes zur „Ausbildung von Führungsqualitäten für Frauen, Frieden, Sicherheit und Gleichberechtigung“ erhalten die Opfer medizinische wie auch psychologische Hilfe: „Wir haben vertrauliche Räume geschaffen, die wir Friedenszentren nennen. Hier ermutigen wir die Frauen, über ihr glückliches Leben, aber auch über ihre Traumata zu sprechen. So können wir herausfinden, wer welche psychologische Unterstützung braucht, und ihnen helfen, zur Normalität zurückzufinden“, erklärt Risal.

Es fällt den Frauen sehr schwer, sich zu öffnen. Dies sei auch auf die patriarchale Gesellschaft Nepals und auf strukturelle Ursachen von Diskriminierung, Gewalt und Ungleichheit zurückzuführen, wie die Direktorin erläutert: „Unsere Persönlichkeit, unsere Jungfräulichkeit und unsere Sexualität werden als familiäre Prestigeangelegenheiten betrachtet. Wir haben viele Fälle beobachtet, wo Frauen aufgrund von Kriegsgewalt von ihren Familien verstoßen wurden. Daher sind sie sehr bemüht, derartige Vorfälle zu verbergen, und man kann sich vorstellen, wie tief diese Wunden sitzen müssen, unter denen sie seit 20 Jahren leiden. Aber wir versuchen den Frauen klarzumachen, dass das nicht ihr Fehler war.“

Beim Friedensabkommen von 2006 wurden die Auswirkungen des Bürgerkrieges auf die Frauen und eine Politik mit Geschlechterperspektive nicht einbezogen. Um gegen die strukturelle Diskriminierung anzugehen, die tief in der nepalesischen Gesellschaft verankert ist, will Nagarik Aawaz auch andere Stakeholder wie Regierungsstellen und Gemeindeverwaltungen sensibilisieren und zum Dialog mit den betroffenen Frauen einladen. „Das schafft eine Art soziales Echo und die lokalen Akteure erkennen den Schmerz und das Trauma der Frauen. Jetzt wurde zum Beispiel eine Krankenversicherung für die Frauen von der lokalen Regierung zur Verfügung gestellt und auch ein Budget für das psychische Wohlbefinden hat man eingeplant“, erzählt Susan Risal von den ersten politischen Erfolgen ihrer Friedensarbeit.

 

Trotzdem macht sie klar, dass ein struktureller Wandel der Gesellschaft veränderte Einstellungen und Verhaltensweisen herbeiführen muss, was viel Zeit und Ressourcen benötigt. Zunächst sei wichtig, dass jede einzelne betroffene Frau im juristischen und politischen Sinn Gerechtigkeit erfährt. Dabei geht es Susan Risal vor allem um das psychische Wohlbefinden: „Wir haben durch unsere Arbeit große Veränderungen bei den Frauen festgestellt. Frauen, die am Anfang Selbstmord begehen wollten, beginnen ihr Leben wieder zu schätzen. Das ist nicht nur die Verantwortung des Staates oder der NGOs, sondern auch die Verantwortung der Bürger. Jeder kann einen sicheren Raum für Frauen schaffen, in dem sie in Frieden und Gerechtigkeit leben können.“

Über die Autorin

Seit August 2022 ist Annika Stricker Freelance Medienanalystin bei NewsGuard in Deutschland.

Sie besitzt einen Bachelor in Interkulturellen Studien und Medien- und Kommunikationswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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